Die EU-Kommission stuft ChatGPT erstmals als sehr grosse Online-Suchmaschine ein. Ausschlaggebend sind die integrierte Websuche und mindestens 45 Millionen monatliche Nutzerinnen und Nutzer in der Europäischen Union (EU). Das betrifft dich, wenn du ChatGPT für Recherchen oder Produktsuchen verwendest – und ebenso, wenn deine eigenen Inhalte in Antworten von Künstlicher Intelligenz (KI) sichtbar sein sollen.
Was ändert sich durch die EU-Einstufung?
ChatGPT ist weiterhin ein Chatbot, wird wegen seiner Websuche regulatorisch aber auch als Suchmaschine behandelt. Nach dem Gesetz über digitale Dienste, dem Digital Services Act (DSA), gilt ein Dienst ab mindestens 45 Millionen durchschnittlichen monatlichen Nutzenden in der EU als sehr gross. Die Einstufung durch die EU-Kommission bringt OpenAI deshalb zusätzliche Kontroll- und Transparenzpflichten.
OpenAI hat laut den Berichten bis Ende Dezember 2026 Zeit, die Anforderungen zu erfüllen. Dazu gehören Bewertungen systemischer Risiken, also möglicher Schäden, die nicht nur einzelne Personen betreffen. Genannt werden illegale Inhalte, Gefahren für Minderjährige, Auswirkungen auf Wahlen und laut The Verge auch Risiken für die psychische Gesundheit.
Vorgesehen sind ausserdem halbjährliche Transparenzberichte, ein öffentlich einsehbares Werbearchiv, Melde- und Beschwerdeverfahren für illegale Inhalte sowie ein Mechanismus für Krisenreaktionen. Zugelassene Forschende sollen Zugang zu bestimmten Daten erhalten, damit sie systemische Risiken untersuchen können. Unter Fachleuten ist allerdings umstritten, ob dieser Zugang auch Trainingsdaten oder Modellgewichte umfasst; Modellgewichte sind die intern erlernten Zahlenwerte eines KI-Modells.
Der DSA beschränkt zudem zielgerichtete Werbung an Minderjährige und die Verwendung sensibler Merkmale wie Religion, ethnische Herkunft, sexuelle Orientierung oder politische Überzeugung für Werbezwecke. Empfehlungssysteme müssen transparenter werden. Welche sichtbaren Änderungen daraus direkt in ChatGPT entstehen, geht aus den Quellen noch nicht hervor, und auch Änderungen an Preisen oder Abonnements werden nicht genannt.
Parallel stufte die Kommission Reddit und Roblox als sehr grosse Online-Plattformen ein. Anders als ChatGPT gelten sie als Plattformen, weil dort Nutzende Inhalte anderer Nutzender verbreiten. Ein knapper Bericht von Ars Technica ordnet die neue Regulierung als Folge des starken Wachstums dieser Dienste ein; zusätzliche Details liefert dessen Kurzfassung nicht.
Warum wird ChatGPT überhaupt zur Suchmaschine?
Eine klassische Suchmaschine zeigt dir hauptsächlich eine geordnete Liste von Links. ChatGPT kann dagegen im Web suchen, Informationen aus mehreren Fundstellen in eine Antwort einbauen und auf Rückfragen reagieren. Für die EU ist offenbar nicht die Gesprächsoberfläche entscheidend, sondern die Funktion: Wenn ein Dienst das Web durchsucht und Ergebnisse auf Nutzeranfragen liefert, übernimmt er Aufgaben einer Suchmaschine.
Im Alltag zeigt sich der Unterschied etwa bei einer Produktsuche. Statt mehrere Treffer zu Kleidung, Haushaltsgeräten oder Elektronik einzeln zu öffnen, kannst du einen Chatbot bitten, Anforderungen zusammenzufassen und Angebote vergleichbar zu machen. Die Antwort kann bequemer sein, aber sie verkürzt gleichzeitig den Weg zwischen Quelle und Entscheidung – und kann dabei Kontext, Gegenargumente oder wichtige Details auslassen.
Für die Schweiz liefert das E-Commerce-Stimmungsbarometer 2026 einen konkreten Hinweis auf diesen Wandel. Dafür befragten die Schweizerische Post und Ipsos 1050 Personen aus allen Sprachregionen. Laut der Auswertung zur Schweizer Produktsuche nutzten 2024 erst 1 Prozent der Befragten KI beim Onlineeinkauf, 2025 waren es 4 Prozent und 2026 bereits 9 Prozent.
Suchmaschinen wie Google und Bing bleiben in dieser Erhebung der wichtigste Ausgangspunkt und verwiesen Digitec Galaxus bei der Produktsuche auf Platz zwei. Jüngere Menschen beginnen ihre Suche zugleich häufiger auf TikTok oder Instagram. KI ersetzt klassische Suchmaschinen also noch nicht, tritt aber neben Suchmaschinen, Onlineshops und soziale Medien als weiterer Einstiegspunkt.
Für Schweizer Nutzerinnen und Nutzer bedeutet die EU-Einstufung nicht automatisch, dass der DSA zu einem Schweizer Gesetz wird. Die Quellen beschreiben die Pflichten ausdrücklich für die EU. Praktisch relevant bleibt die Entwicklung dennoch, weil Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten KI-Chatbots zunehmend für die Produktsuche einsetzen und viele Onlineinhalte über dieselben international angebotenen Dienste erreichen.
Wie verändert KI-Suche die Sichtbarkeit von Inhalten?
Wer eine Website, einen Onlineshop oder Fachinhalte betreibt, konnte sich lange stark auf Suchmaschinenoptimierung (SEO) konzentrieren. SEO bezeichnet Massnahmen, mit denen eine Seite in klassischen Suchergebnissen besser gefunden werden soll. Bei einer KI-Antwort reicht ein guter Platz in Google jedoch nicht zwingend aus, weil der Chatbot eine Antwort formuliert, statt lediglich eine Trefferliste anzuzeigen.
Der ergänzende Ansatz wird häufig als Optimierung für generative Suchsysteme (GEO) bezeichnet. Gemeint ist eine Struktur, die es einem Sprachmodell erleichtert, einzelne Aussagen zu erkennen und in einer Antwort zu verwenden. Ein Sprachmodell ist ein KI-System, das sprachliche Muster verarbeitet und daraus Texte erzeugt.
Ein Praxisbericht zur Sichtbarkeit in KI-Antworten beschreibt, dass solche Systeme Dokumente in einzelne Textabschnitte zerlegen. Diese Abschnitte werden oft als Chunks bezeichnet, also als separat verarbeitete Textstücke. Das Modell sieht möglicherweise nur einen Absatz und nicht den vollständigen Artikel.
Für einen Ratgeber zu Retouren bedeutet das beispielsweise: Ein Absatz sollte nicht bloss mit «Dabei gilt dieselbe Frist» beginnen, wenn sich erst aus dem vorherigen Abschnitt ergibt, auf welche Rückgabe die Aussage verweist. Besser ist ein eigenständiger Satz, der Produktart, Vorgang und Frist zusammen nennt – sofern diese Angaben belegt sind. So profitieren sowohl Menschen, die den Absatz überfliegen, als auch Systeme, die ihn aus dem Zusammenhang lösen.
Der Bericht empfiehlt, pro Absatz einen klaren Gedanken zu behandeln, überprüfbare Aussagen zu verwenden und Absätze idealerweise unter 250 Wörtern zu halten. Die wichtigste Information soll im ersten Satz des Absatzes und früh im Dokument stehen, konkret innerhalb der ersten 350 bis 400 Wörter. Das sind redaktionelle Empfehlungen aus einer Quelle, keine unabhängig bestätigte Garantie dafür, dass ChatGPT einen Text nennt oder verlinkt.
SEO wird dadurch nicht wertlos. Die Schweizer Erhebung zeigt vielmehr, dass traditionelle Suchmaschinen weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Sinnvoller ist daher, SEO und GEO als überlappende Aufgaben zu betrachten: Seiten müssen auffindbar und für Menschen verständlich bleiben, während einzelne Absätze eindeutig genug sein sollten, um auch ausserhalb ihres ursprünglichen Zusammenhangs korrekt verstanden zu werden.
Pro und Kontra der KI-Suche
Pro:
- Direkte Antworten – Du erhältst eine zusammengefasste Antwort und kannst unmittelbar nachfragen, statt jede Fundstelle einzeln zu öffnen.
- Einfacherer Vergleich – Bei Produktrecherchen lassen sich Kriterien für Kleidung, Elektronik oder Haushaltsgeräte in einer Anfrage bündeln.
- Mehr Kontrolle in der EU – Risikoanalysen, Transparenzberichte und Beschwerdeverfahren schaffen zusätzliche Aufsicht über einen stark genutzten Dienst.
- Neue Sichtbarkeit – Klar gegliederte Fachinhalte können neben klassischen Suchergebnissen auch als Grundlage für KI-Antworten dienen.
Kontra:
- Weniger sichtbare Quellen – Eine fertige Antwort kann dazu führen, dass du Originaltexte, Einschränkungen und abweichende Positionen seltener prüfst.
- Unsichere Auswahl – Die gelieferten Quellen erklären nicht vollständig, nach welchen Kriterien ChatGPT bestimmte Webinhalte auswählt oder nennt.
- Neue Abhängigkeit – Unternehmen müssen möglicherweise zusätzlich zu Google auch die Darstellung ihrer Inhalte in KI-Systemen beobachten.
- Offene Regulierungspraxis – Noch ist unklar, wie weit Forschungszugang und Prüfungen reichen und welche Änderungen Nutzende tatsächlich sehen werden.
Was heisst das für deine Praxis?
Wenn du KI-Suche erst ausprobierst, beginne mit einer überschaubaren Aufgabe. Du kannst ChatGPT beispielsweise Kriterien für den Kauf eines Haushaltsgeräts ordnen lassen und anschliessend Preise, Lieferbedingungen und Retouren direkt beim jeweiligen Shop kontrollieren. Das passt zur Schweizer Erhebung, in der transparente Kosten sowie einfache Liefer- und Rückgabeprozesse trotz neuer Suchwege wichtige Anforderungen bleiben.
Verlasse dich bei sensiblen oder umstrittenen Themen nicht allein auf die Zusammenfassung. Öffne die genannten Fundstellen, prüfe Datum und ursprünglichen Zusammenhang und suche gezielt nach einer Gegenposition. Die strengeren EU-Regeln sollen Risiken verringern, machen einzelne Antworten aber nicht automatisch richtig oder vollständig.
Wenn du bereits Inhalte veröffentlichst, kannst du bestehende Seiten absatzweise prüfen. Jeder Abschnitt sollte ein klares Thema, eine eigenständig verständliche Kernaussage und nachvollziehbare Belege enthalten. Antworten auf zentrale Fragen gehören früh in den Text; lange Einleitungen und unklare Rückverweise erschweren sowohl Menschen als auch Sprachmodellen die Orientierung.
Fortgeschrittene können zusätzlich vergleichen, welche Passagen in klassischen Suchresultaten erscheinen und welche Quellen ChatGPT bei ähnlichen Anfragen nennt. Daraus lassen sich redaktionelle Schwächen erkennen, aber keine sichere Formel für eine Erwähnung ableiten. Eine Seite, die bereits gut bei Google platziert ist, kann laut dem GEO-Praxisbericht trotzdem in einer ChatGPT-Antwort fehlen.
Für Organisationen kommt eine Kontrollaufgabe hinzu: Produktdaten, Kosten, Lieferbedingungen und Rückgaberegeln sollten auf der eigenen Website eindeutig und aktuell formuliert sein. Wenn ein Chatbot veraltete oder verkürzte Angaben übernimmt, wird die bequeme Antwort sonst schnell zur zusätzlichen Fehlerquelle. Die Quellen liefern allerdings keine verlässliche Methode, mit der sich die Übernahme oder Korrektur solcher Angaben erzwingen lässt.
Die EU behandelt ChatGPT damit nicht mehr nur als neuartige Gesprächssoftware, sondern als Suchdienst mit gesellschaftlicher Reichweite. Für Nutzende verspricht das mehr Aufsicht, ohne die grundlegenden Schwächen zusammengefasster KI-Antworten zu beseitigen. Für Anbieter von Inhalten ergänzt GEO die klassische Suchmaschinenoptimierung, während die tatsächliche Auswahl der Quellen und die Reichweite der neuen Kontrollen vorerst offenbleiben.
Quellen
- EU-Kommission stuft ChatGPT erstmals als Suchmaschine ein – Unbekannt, 2026-08-31
- ChatGPT and Reddit now face EU’s toughest online safety rules – Unbekannt, 2026-08-31
- ChatGPT to face tougher regulation in the EU – Unbekannt, 2026-08-31
- Strengere EU-Regeln für ChatGPT: Warum zu viele Nutzer OpenAI zum Verhängnis werden – Unbekannt, 2026-08-31
- KI und Social Media gewinnen bei der Online-Produktsuche an Bedeutung – Unbekannt, 2026-08-31
- SEO reicht nicht mehr: Warum du jetzt für Sprachmodelle statt für Google schreiben musst – Unbekannt, 2026-08-29


