OpenAI führt zwei Veränderungen bei ChatGPT ein: In den USA erscheinen beim Erzeugen von Bildern visuelle Anzeigen, während Texte in der Europäischen Union (EU) unsichtbare Wasserzeichen erhalten. Für dich sind das zwei sehr unterschiedliche Eingriffe: Die Werbung ist klar sichtbar, die Kennzeichnung von Texten dagegen nur mit einem passenden Prüfwerkzeug. Beide betreffen die Frage, wie transparent ChatGPT mit kommerziellen Interessen und maschinell erzeugten Inhalten umgeht.
Was dich konkret erwartet
OpenAI will noch im Oktober 2026 in den USA visuelle Anzeigen testen, die neben Ergebnissen der Bildgenerierung erscheinen. Laut der Leitmeldung von The Verge zeigen sie Bilder gesponserter Produkte oder Dienstleistungen. Die Anzeigen sollen gekennzeichnet und vom erzeugten Bild getrennt sein; laut OpenAI beeinflussen sie die Antworten von ChatGPT nicht.
Das lässt sich an einem alltäglichen Beispiel festmachen: Du bittest ChatGPT um ein Bild für die Einladung zu einer Geburtstagsfeier und siehst während oder neben dem Ergebnis eine Anzeige mit einem kommerziellen Produkt. Dieses Produkt soll nicht Bestandteil deines generierten Bildes werden. Die optische Nähe kann trotzdem den Eindruck erwecken, die Anzeige gehöre zum kreativen Arbeitsablauf oder sei eine Empfehlung von ChatGPT.
Die Bildanzeigen starten zunächst mit einer begrenzten Gruppe von Werbekunden und nur in den USA. Abonnements für ChatGPT Plus, Pro und Enterprise bleiben laut den vorliegenden Angaben werbefrei. OpenAI hatte bereits im Februar Anzeigen eingeführt, die bisher vor allem aus Firmenname, Logo und Link in einem gesponserten Bereich unterhalb des Chats bestanden; laut TechCrunch wurden Anzeigen später auch nach Indien ausgeweitet.
Parallel dazu führt OpenAI für berechtigte ChatGPT- und Codex-Nutzende in der EU auf allen Tarifen ein unsichtbares Text-Wasserzeichen ein. Codex ist ein auf Programmieraufgaben ausgerichtetes KI-Werkzeug. Die Einführung soll über mehrere Wochen erfolgen und der Umsetzung von Transparenzregeln des EU-Gesetzes über Künstliche Intelligenz dienen, meist als EU AI Act bezeichnet.
Was hinter den unsichtbaren Wasserzeichen steckt
Das Wasserzeichen namens textGrain ist kein Symbol und keine sichtbare Fussnote. Es verändert die Wortwahl des Sprachmodells in kleinen, statistisch erkennbaren Schritten. Ein dafür vorgesehener Detektor kann das daraus entstehende Muster suchen, während du den Text normal liest und kopierst.
Weil die Markierung in der Wortwahl steckt, wandert sie beim Kopieren und Einfügen grundsätzlich mit. OpenAI erklärt in seiner Darstellung zu den EU-Regeln für die Herkunft von Texten, wo das Verfahren eingesetzt wird, wie die Erkennung funktioniert und warum zunächst Forschende und fachkundige Organisationen Zugriff auf die Prüfung erhalten. Ein öffentliches Werkzeug, mit dem jede Person beliebige Texte zuverlässig kontrollieren könnte, ist in den Quellen nicht angekündigt.
OpenAI sagt, das Wasserzeichen identifiziere keine einzelnen Nutzenden und habe in internen Tests keine bedeutsame Verschlechterung der Modellleistung verursacht. Diese Angaben stammen vom Anbieter und sind anhand der gelieferten Quellen nicht unabhängig geprüft. OpenAI berichtet zudem, textGrain habe andere getestete Ansätze wie Googles SynthID für Text erreicht oder übertroffen; das Unternehmen plant laut THE DECODER, die Technologie als Open Source zu veröffentlichen.
Die Erkennung bleibt jedoch fragil. In einem von OpenAI beschriebenen Versuch sank sie von ungefähr 92 auf 66 Prozent, nachdem zehn Prozent der Wörter durch Synonyme ersetzt worden waren. Kurze Passagen, mathematische Antworten und Übersetzungen sind ebenfalls schwieriger zu erkennen. THE DECODER nennt bei einer angestrebten Falsch-Positiv-Rate von einem Prozent rund 95 Prozent Erkennung für 400 Token lange Texte zu psychologischen Themen, aber nur rund 80 Prozent bei 200 Token; Token sind kleine Texteinheiten, in die ein Sprachmodell Eingaben zerlegt.
Damit ist das Wasserzeichen eher ein Herkunftssignal als ein Beweis. Es bestätigt weder die Richtigkeit eines Textes noch dessen Eigentum, den Umfang menschlicher Mitarbeit oder eine rein menschliche Urheberschaft. Umgekehrt beweist eine fehlende Markierung nicht, dass ein Text von einem Menschen stammt.
Pro und Kontra von Werbung und Wasserzeichen
Pro:
- Sichtbare Trennung – Die neuen Anzeigen sollen gekennzeichnet und ausserhalb des erzeugten Bildes dargestellt werden.
- Mehr Transparenz – Das Wasserzeichen kann fachkundigen Stellen einen zusätzlichen Hinweis auf maschinell erzeugte Texte geben.
- Keine Nutzerkennung – Laut OpenAI enthält textGrain keine Information, die eine einzelne Person identifiziert.
- Werbefreie Abos – Plus-, Pro- und Enterprise-Konten sollen von den visuellen Anzeigen ausgenommen bleiben.
Kontra:
- Kommerzielle Nähe – Eine Anzeige neben einem Bildergebnis kann trotz Kennzeichnung wie eine Empfehlung des Systems wirken.
- Fehleranfällige Erkennung – Bearbeitungen, Übersetzungen, kurze Texte und bestimmte Inhalte schwächen das statistische Signal.
- Begrenzte Prüfbarkeit – Der Detektor ist zum Start nicht allgemein zugänglich, wodurch du das Signal nicht selbst verlässlich kontrollieren kannst.
- Regionale Unterschiede – Werbung und Wasserzeichen starten in verschiedenen Regionen, was die Erwartungen an dasselbe Produkt unübersichtlicher macht.
Was das für Vertrauen und Datenschutz bedeutet
Bei der Werbung verspricht OpenAI Schutzvorkehrungen, die Anzeigen aus emotional verletzlichen, sensiblen oder anderweitig ungeeigneten Gesprächen fernhalten sollen. Ausgewählte Werbekunden können laut Bericht von THE DECODER zudem Ausschlussbegriffe festlegen. DoubleVerify und Integral Ad Science sollen das Umfeld für die Markensicherheit prüfen, ohne dabei Zugriff auf echte Gespräche zu erhalten.
OpenAI baut zugleich die Erfolgsmessung für Anzeigen aus. Die Ankündigung des Unternehmens nennt neue Messwerkzeuge, Partnerschaften zur Zuordnung von Klicks und Käufen sowie Verfahren zur Beurteilung geeigneter Werbeumfelder. TechCrunch führt unter anderem AppsFlyer, Adjust und Branch für die Zuordnung sowie Haus, Measured und WorkMagic für geografische Experimente auf.
Diese Messinfrastruktur macht Werbung für Unternehmen attraktiver, wirft für Nutzende aber Fragen zur Datennutzung auf. Die Quellen sagen nicht im Detail, welche persönlichen Daten einer einzelnen ChatGPT-Nutzung in jede Messung einfliessen. Deshalb lässt sich aus den Meldungen weder vollständige Anonymität noch eine personenbezogene Verfolgung ableiten.
OpenAI erklärt, Anzeigen beeinflussten die Antworten nicht. Das ist eine zentrale Zusicherung, aber keine unabhängige Prüfung der konkreten Platzierungen. Vertrauen hängt daher nicht nur von der technischen Trennung ab, sondern auch davon, ob Kennzeichnungen klar bleiben und sensible Gespräche tatsächlich ohne Anzeigen auskommen.
Beim Wasserzeichen liegt das Datenschutzproblem anders. Das Signal soll keinen Namen oder keine Kontokennung enthalten, kann einen Text aber als wahrscheinlich von einem bestimmten System erzeugt klassifizieren. In Bildung und Arbeitswelt könnte das schnell überinterpretiert werden, obwohl OpenAI selbst vor unzuverlässiger Erkennung warnt.
Was das für dich heisst
Wenn du einsteigst, ist der sinnvollste erste Schritt schlichtes Trennen: Behandle eine sichtbare Anzeige als Werbung und nicht als Teil der Antwort. Verwendest du einen ChatGPT-Text für eine Bewerbung, einen Bericht oder eine Schulaufgabe, solltest du ausserdem nicht davon ausgehen, dass Kopieren oder leichtes Umschreiben seine Herkunft eindeutig verbirgt oder beweist. Inhaltliche Prüfung und transparente Angaben zu verwendeten Hilfsmitteln bleiben aussagekräftiger als ein einzelnes Detektorergebnis.
Wenn du ChatGPT intensiver nutzt, kannst du zusätzlich dokumentieren, welche Passagen du übernommen, geprüft und selbst bearbeitet hast. Das ist besonders hilfreich, wenn ein Arbeitgeber, eine Schule oder eine Hochschule später nach dem Entstehungsprozess fragt. Ein Detektor kann höchstens ein weiteres Signal liefern; er ersetzt keine nachvollziehbare Arbeitsdokumentation.
Ein konkretes Berufsbeispiel ist ein Kommunikationsmitarbeiter, der mit ChatGPT einen längeren Entwurf erstellt und anschliessend Formulierungen überarbeitet. Das Wasserzeichen kann im kopierten Ausgangstext vorhanden sein, durch umfangreiche Änderungen aber schwächer werden. Daraus lässt sich weder ableiten, dass die Person nichts beigetragen hat, noch dass ein nicht erkanntes Dokument ohne KI entstanden ist.
Für die Schweiz ist die Lage derzeit weniger klar als für die EU und die USA. Die Quellen kündigen weder den Start der visuellen Anzeigen noch eine standardmässige Textmarkierung für Schweizer ChatGPT-Konten an. Schweizer Nutzende sollten deshalb nicht annehmen, dass Texte bereits dasselbe EU-Wasserzeichen tragen; Angaben zu besonderen Unterschieden zwischen deutschen, französischen, italienischen oder englischen Texten fehlen ebenfalls.
Weltweit können Kundinnen und Kunden der Programmierschnittstelle, also einer technischen Verbindung zu OpenAI-Modellen, das Wasserzeichen für ausgewählte Modelle freiwillig einschalten; standardmässig ist es dort deaktiviert. THE DECODER stellt dies Anthropic gegenüber: Dessen Wasserzeichen werde laut Bericht weltweit und über alle Zugangswege verpflichtend eingesetzt. OpenAIs Ansatz ist damit zum Start regional und weniger strikt.
Die beiden Neuerungen verfolgen gegensätzliche Ziele: Werbung soll ChatGPT kommerziell nutzbarer machen, während Wasserzeichen mehr Transparenz über erzeugte Texte schaffen sollen. Die sichtbare Trennung von Anzeigen und Ergebnissen ist sinnvoll, ebenso ein Herkunftssignal, das keine Person identifiziert. Offen bleibt, wie zuverlässig OpenAI sensible Werbeumfelder ausschliesst und wie häufig ein statistisches Wasserzeichen in der Praxis falsch interpretiert oder durch normale Bearbeitung unbrauchbar wird.
Quellen
- OpenAI is sticking more ads in ChatGPT – The Verge, 2026-10-05
- OpenAI will start watermarking ChatGPT’s text in the EU – TechCrunch, 2026-10-05
- OpenAI is adding text watermarking in ChatGPT and Codex – The Verge, 2026-10-05
- OpenAI versieht ChatGPT-Texte mit unsichtbarem Wasserzeichen – THE DECODER, 2026-10-05
- OpenAI launches visual ads that appear alongside image generation results – TechCrunch, 2026-10-05
- Our approach to EU text provenance rules – OpenAI, 2026-10-05
- OpenAI testet Anzeigen in ChatGPT, die während der Bilderzeugung erscheinen – THE DECODER, 2026-10-05
- Building advertising for the way people use AI – OpenAI, 2026-10-05


Bild: Hanna Pad via Pexels
